Du bist wegen der Berge nach Interlaken gekommen. Die bekommst du von jeder Terrasse in der Stadt.
Das hier ist der Teil, den die meisten nie zu sehen bekommen.
Zwanzig Minuten von den Schlangen an der Jungfrau entfernt, an den Hängen über dem Thunersee, laufen Höfe so, wie sie seit Generationen laufen. Die Familien, die sie führen, stehen vor dem Morgengrauen auf, richten sich nach den Jahreszeiten und machen einige der besten Milchprodukte der Welt. Ohne Besucherzentrum, ohne Warteschlange und ohne Verkaufsstand am Ausgang. Fast kein Reisender kommt je durch diese Tür.
Du gehst durch diese Tür.
Wir fahren um 8 Uhr los, hoch über Beatenberg, fünfunddreissig Minuten Bergstrasse mit dem See, der darunter türkis wird, und dann hinunter ins Justistal. Der Van parkt direkt am Hof. Auf dieser Tour wird kein Meter gelaufen, und das war Absicht: dieser Morgen steht auch denen offen, die nicht wandern können.
Daniela ist seit fünf Uhr wach. Sie kommt heraus, um dich zu begrüssen, und dann läufst du mit ihr über ihren eigenen Hof, vorbei an den Kühen, den Schweinen, den Schafen, den Hühnern, den Kaninchen, den Meerschweinchen und einem Hofhund, der das Konzept von Distanz nicht kennt.
Das Frühstück ist das, was dieser Hof hergegeben hat. Butter, die sie selbst gerührt hat. Eier von den Hühnern, an denen du vor zwei Minuten vorbeigegangen bist. Ein Brett mit ihren Käsen, von ein paar Monaten bis über ein Jahr, nebeneinander gelegt, damit du von einem Bissen zum nächsten schmeckst, was Zeit mit Milch macht. Speck, Trockenwurst, Brot, Konfitüre, Früchte, Saft, Kaffee, heisse Schokolade. Und Rohmilch von diesem Morgen, wenn du wissen willst, wie Milch eigentlich schmecken sollte.
Frag sie, warum er so schmeckt, und sie fängt vom Gras an. Das hier ist Kalkboden, das Wasser verschwindet unter der Erde, und was hier oben wächst, ist trockener und wilder als alles unten im Tal. Das geht in die Kühe hinein und kommt im Käse wieder heraus.
Und dann macht sie ihn.
Ihren echten Sud, den, der heute sowieso stattfindet, ob jemand gebucht hat oder nicht. Das Kupferkessi über dem Feuer, die Milch, die kippt, der Bruch, der geschnitten und gerührt wird, die Presse. Sie erklärt dir alles, während ihre Hände weiterarbeiten, und sie beantwortet jede Frage. Film so viel du willst.
Anfassen wirst du nichts, und genau das ist der Punkt. In dem Moment, in dem ein Besucher den Käse macht, ist es nicht mehr ihr Sud, sondern eine Vorführung mit Schürze.
Unten liegt der Keller. Laibe auf Holzbrettern, und ein Salzbad, das sie seit über zehn Jahren mit demselben Salz führt.
Danach gehst du wieder hinaus zu den Tieren, und hier hast du einfach Zeit. Zeit, dich zu ihnen zu setzen. Zeit, sie zu fragen, wie die Winter hier oben sind, wie es den Kühen geht, und warum sie von Mai bis Mitte September um fünf anfängt und um neun Uhr abends aufhört und das ein gutes Leben nennt.
Vor Mittag bist du zurück in Interlaken, mit dem ganzen Tag noch vor dir.